Besser miteinander reden -

Anregungen für kleine „Hüllenwesen“ und große „Brüllmonster“. Schreien und Brüllen sollte nicht die Lösung für die Kommunikation innerhalb der Familie sein.

Wenn unsere Kinder frühmorgens kreischend durch die Wohnung sprinten, statt sich „ordentlich“ zurechtzumachen, die elterliche Diskussionsplattform bis zum gefühlten Knock-Out überstrapazieren und den bereits müffelnden Lieblingspulli nun schon den 5. Tag in Folge anziehen möchten, sind wir häufig dem Brüllmonster näher als dem vernunftbegabten Menschen in uns. 

Oft bleibt den Eltern vermeintlich nichts anderes übrig, als die eigene Lautstärkeregelung auf ein Höchstmaß zu drehen, um in der Endstufe die Kinder anzubrüllen und auf einen nachhaltigen Effekt zu hoffen - der zumeist nicht eintritt. Wird Anschreien zu einer Dauerlösung, fördert dies vielmehr die negative Entwicklung des Kindes. Kinder lernen nämlich so letztendlich aus dem Vorbild der Eltern, dass man Konflikte am besten lautstark mit Aggressionen löst - und der Sprung von verbaler zu körperlicher Gewalt ist oft nur ein kleiner.

Nehmen Sie es daher vor allem nicht persönlich, wenn Ihre Kleinen erstmal nicht auf Sie hören. Stellen Sie sich Ihre Kinder vielmehr als „Hüllenwesen“ mit eingebautem „Kinder-Gut-Tu-Filter“ vor. Wenn Kinder beginnen, ihre Umgebung zu erkunden und völlig vertieft in ihrer eigenen Welt sind, nehmen sie schwerlich wahr, was Eltern von ihnen möchten. Die Rettung des vom Kampf mit dem Drachen geschwächten Ritters oder die Gelenksschwäche samt Haarausfall der Lieblingspuppe sind dann doch die schlagkräftigeren Argumente, als die Müllentsorgungsbitte der Eltern. Das Müllproblem wird als Störfaktor identifiziert und prallt kläglich scheiternd am Filter ab. 

Kinder sind also von einer Art Schutzhülle umgeben, die Informationen von außen laufend filtert, dabei „Negatives“ aussortiert und positive Nachrichten durchlässt. Diese Hülle ermöglicht es, Ihr Kind in der Entwicklung zu fördern und schützt die bedeutenden Momente, in denen das Kind im Spiel kreativ neue Fähigkeiten lernt. 

Falls Ihnen Ihre Kinder also keine Aufmerksamkeit schenken, bedeutet das nicht, sie wollen Sie absichtlich zur Weißglut bringen. Alle verfügbaren Ressourcen sind gerade im Spiel in der Kinderwelt gebunden, sodass nichts anderes wahrgenommen wird. 
Wie bestehen wir aber nun gegen die sagenumwobenen Gestalten aus der Fantasiewelt der Kinder oder auch gegen Computer, Handy und Co? 
Wir müssen spürbar und sichtbar werden. 

Stellen wir uns vor, Sie bereiten gerade liebevoll das Essen zu und möchten etwas von Ihrem Kind. Richten Sie jetzt aber die eigentlich für Ihr Kind gedachten Wünsche und Aufforderungen an die zartrosa Fleischstücke vor Ihnen, werden Sie die Kinderwelt nicht erreichen. 

Vielmehr bleiben Sie unsichtbar und unerlebbar für Ihr Kind. Der gleiche Effekt tritt ein, wenn Sie mit leeren Räumen, Gardinen, Schränken und anderen Einrichtungsgegenständen anstelle direkt mit Ihrem Kind kommunizieren. 
Treten Sie daher mit Ihrem Kind in unmittelbaren Kontakt.

Nähe und sichtbare Körpersprache kombiniert mit einer Berührung und Augenkontakt ohne Drohgebärden sind weitaus wirksamer als Zurufe aus der Ferne. 
Praktisch ausgeübt bedeutet das, Sie gehen ganz nahe zu Ihrem Kind, bevor Sie anfangen zu sprechen. Dies heißt aber gleichzeitig, dass Sie Ihre momentane Tätigkeit unterbrechen müssen. Weg vom Multitasking und hin zum Monotasking ist die Devise - das ist erwiesenermaßen auch für unser Gehirn entspannter.

Um nicht von oben herab mit Ihrem Kind zu sprechen, begeben Sie sich falls notwendig hinunter in die Hocke, damit Sie miteinander auf Augenhöhe kommunizieren können. Gleichzeitig berühren Sie es noch beispielsweise an der Schulter, anstelle mit Ihrem Zeigefinger vor seiner Nase herumzufuchteln.

Dieses sind die ersten, empfehlenswerten Zutaten für ein gelungenes Menü. Manche Kinder reagieren unmittelbar auf solche Verhaltensänderungen der Eltern. Zuletzt fragte eine kleine Patientin im Einzelgespräch verdutzt, aber positiv überrascht, ob ihre Mama denn jetzt von uns Medikamente verabreicht bekäme, weil sie so anders als gewohnt reagieren würde. 

Lassen Sie sich aber auch nicht entmutigen, sollten Sie die ersten Male nicht gleich bahnbrechende Änderungen bemerken. Bleiben Sie standhaft und setzen Sie auf Wiederholungen. Die Mühe lohnt sich.

Auch uns Erwachsenen schadet im Übrigen die zeitweise Transformation in ein „Hüllenwesen“ mit eingebautem „Gut-Tu Filter“ nicht - man könnte dies zuweilen auch Selbstfürsorge nennen. Aber das ist eine andere Geschichte - diese kann man weit weniger wirkungsvoll erzählen, als am besten in unserer Klinik erleben.
Wir freuen uns auf Sie!

Dieser Artikel ist ein kleiner inhaltlicher Ausschnitt aus unserem Therapieangebot zum Thema Erziehung und orientiert sich am Film „Die Brüllfalle“ von Wilfried Brüning, der in unserer Klinik zur Einführung in den Themenbereich Erziehung gezeigt wird.